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Chaos und Wahn
von Sebastian Stöwer, Schüler des
Lise-Meitner-Gymnasiums
Alceste, gespielt von einem zerzaust
aussehenden Felix Goeser, stürmt die quer durch den Saal führende
Rampe herab und verschwindet gleich darauf hinter der Bühne. Auf dem
hölzernen Vorhang erscheinen die Worte „Heim zum Reim“ und man weiß,
dass dieses Motto die Zuschauer durch den Abend begleiten wird. Mehr
oder weniger stolpern sich die Protagonisten durch die ersten modern
umgedichteten Reime, als der Vorhang hochfährt und ein verzweifelter
Alceste mit einer Waffe an der Schläfe auf der Bühne erscheint.
Begleitet von dunkler Gitarrenmusik gibt dies ein bedrohliches Bild
ab, doch wird dies schon bald von fröhlichen Charakteren in schrägen
Party-Outfits gestört. Ein insgesamt abstruses und nicht allzu
ernsthaftes Bild.
Wer glaubt, das Stück ließe sich in die Ordnung
der Reime zwängen, hat sich getäuscht. Inhaltlich wird die komplexe
Geschichte von Freundschaft, Liebe und Hass schön in die Moderne
umgesetzt, doch bietet vor allem das geheime Spiel, das die schöne
Célimène mit ihren Liebhabern treibt, allerlei Verwirrung.
Die schlichte Bühne in Form eines schmalen
schwarzen Holzkastens unterstützt das herrschende Inhalts- und
Gefühlschaos, so steht sie auf einer Wippe, die sich, dank moderner
Technik, computergesteuert zu beiden Seiten kippen lässt. Zudem
platzen die Schauspieler von vor, hinter, neben und auch unter der
Bühne in das Geschehen, der Zuschauer ist stets angestrengt zu folgen.
Gedämpft wird die Unordnung nur durch die Rolle
der verspielt wirkenden Eliante in ihrem grässlichen Tutu, welche sich
als Einzige strikt an das Muster der Reimschemen hält und ihre
Mitmenschen hin und wieder verbessert: „Der Reim MUSS bleiben“. Dem
Chaos entziehen kann jedoch auch sie sich nicht, denn zu verstrickt
sind die Zusammenhänge und in seinem Wahn teilt der wütende Alceste in
alle Richtungen aus.
Die zeitgemäße Umsetzung dieser klassischen
Komödie ist der Dramaturgin Rita Thiele durchaus gelungen. Die
Charaktere sind ihrem ursprünglichen Umfeld zwar entrissen worden,
ihre Art und ihre Charaktereigenschaften passen jedoch hervorragend in
die Moderne. Da wären zum Beispiel die Rivalen Acaste und Clitandre.
Sie stellen in der Originalfassung Molières zwei Marquis dar, nun
sehen wir zwei gleich gekleidete stattliche Männer, gespielt von
Michael Goldberg und Omar El-Saeidi, die beide um eine Frau bemüht
sind, die ihnen den Kopf verdreht hat. Ein stets aktuelles Bild.
Auch der komödiantische Gedanke des Stückes
bleibt bei der Übersetzung erhalten. Mit Witz und Situationskomik
wissen die Schauspieler zu überzeugen und der Zuschauerliebling
Michael Wittenborn darf gleich in drei nicht ganz ernstzunehmenden
Rollen glänzen.
Célimène,
die zu Beginn noch selbstverliebt von einem Ende der Bühne zum anderen
stolziert und sich in Aufmerksamkeit suhlt, endet, nachdem ihr Spiel
durchschaut wird, als schwache, in ihrem Stolz gekränkte Frau, die
daran zerbricht, dass ihre Reize nun niemanden mehr betören.
Alceste hingegen, der am Anfang des Stücks noch
an seinem Liebeskummer zu Célimène zu ertrinken droht, wird zum
hassenden Menschenfeind und verlässt die Bühne als starker Verführer.
Wieder mit seinem Anzug bekleidet, läuft er ebenso schwungvoll die
Bühne auf und ab läuft, wie Célimène es noch tat. Er strahlt in den
Zuschauersaal und man weiß, dass Felix Goeser 2006 zurecht als
„Schauspieler des Jahres“ geehrt wurde.
Hier ist
es auch Célimène, die, anders als im klassischen Menschenfeind,
Alceste ein Leben außerhalb der Gesellschaft vorschlägt.
Ein
Rollentausch, dessen Pointe sitzt.
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